09.07.2018 18:04

In der Stadt der Dichter und Henker

Kategorie: Aktuelles

Krachend entlädt sich der Himmel in einem grellen Blitz. Regen läuft die Scheiben des Pavillons herunter, in den sich die Lehrer des Hollenberg-Gymnasiums geflüchtet haben. Die ganze Woche brannte die Sonne auf die Stadt. Nun aber klatschen dicke Wassertropfen auf den Boden und verwandeln sich dort in kleine Frösche, denen nur ein einziger silberheller Sprung auf dem Kopfsteinpflaster gegönnt ist. Das Gewitter leitet mit einem Paukenschlag den letzten Abend der Kursfahrt der Leistungskurse Geschichte und Deutsch der Jahrgangsstufe Q1 des Hollenberg-Gymnasiums Waldbröl ein. Diese hatten die sich in der ersten Juliwoche auf eine besondere Reise gemacht. Im Rahmen ihrer Studienfahrt ging es auf eine historische und literarische Fahrt in eines der kulturellen Zentren Deutschlands.

Weimar ist nicht nur die Stadt, die die literarische Klassik durch Größen wie Schiller und Goethe prägte, sondern auch die Stadt, auf deren Hausberg, einem der Lieblingsorte Goethes, später eines der größten Konzentrationslager der Nationalsozialisten errichtet wurde. Beide Seiten dieser Stadt, die helle und die dunkle, erkundeten 25 Schülerinnen und Schüler auf verschiedene Arten und Weisen und rätselten, wie beides – klassisches Gedankengut und humanistische Ideen einerseits und brutale Unmenschlichkeit andererseits - am gleichen Ort gleichermaßen üppig gedeihen konnten.

Im Rahmen einer Führung gab es nicht nur eine erste Orientierung in der Stadt, sondern auch einen Überblick über die in ihr lebenden und wirkenden Personen – allen voran Goethe. Dabei wurden anhand spannender Anekdoten nicht nur seine literarischen und politischen Verdienste deutlich, sondern auch seine fragwürdige Beziehung zu Frauen. Wussten Sie beispielsweise, dass er mit über 70 einer 17-Jährigen einen Heiratsantrag machte?

Am Hotel Elephant wurde die Geschichte Weimars in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet. So schillernd die Stadt als kultureller „Think Tank“ im 19. Jahrhundert war, so großen Anklang fanden auch Hitler und seine Bewegung nur hundert Jahre später. Während ihm in der Stadt Menschenmassen zujubelten, wurden gleichzeitig unzählige Menschen, Männer, Frauen und Kinder vom dortigen Bahnhof ins Konzentrationslager nach Buchenwald auf den Ettersberg deportiert. Die Schülerinnen und Schüler näherten sich dieser belastenden Thematik nicht nur über eine zweistündige Führung durch das ehemalige Konzentrationslager, sondern auch schon im Vorfeld durch die Lektüre der Biografie Rolf Kralovitz', der anschaulich von seinen menschenunwürdigen Erfahrungen als seines Namens beraubter Häftling mit der Nummer 10090  in seinem Buch „NullZehnNeuzig“ berichtet. Die Jugendlichen waren nicht nur erschüttert von dem, was sie erfuhren, sondern machten sich auch Gedanken um die Zukunft und die konkrete Frage: Was können wir tun, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert?

Der Besuch in Weimar lebte von seinen Kontrasten: Der Tag nach dem Besuch Buchenwalds gehörte nochmals Goethe und Schiller. So konnten die Schülerinnen und Schüler die Arbeitszimmer der beiden großen Poeten in den jeweiligen Wohnhäusern sehen. Hier entstanden prägende literarische Werke wie „Faust“ oder „Wilhelm Tell“, die ungeachtet ihres „Alters“ über die Zeit gültig und wirksam geblieben sind. Den Zündstoff, den der Freiheitskämpfer Tell verkörpert, fürchteten etwa auch die Nationalsozialisten, die die Aufführung des Dramas deshalb vorsorglich verboten.

Die aktuelle Brandgefahr, die die Felder um Weimar zur Zeit der LK-Fahrt bedrohte, wurde durch den Gewitterregen des letzten Abends gebannt. Die Gewitterfronten von Inhumanität und Gewalt, die Weimar wie Europa bedrohen, lauern aber weiterhin drohend am Horizont. Bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass uns das schier unerklärliche doppelte Gesicht der Stadt der Dichter und D(H)enker mahnend in Erinnerung bleibt.

(Klr/Rom/Wil)